10 Tipps für Eilige (PDF-Datei)

Die Kontaktlinse – gestern, heute, morgen

Fehlsichtige, deren Sehfehler korrigierbar sind – etwa Kurz-, Weit- und Stabsichtigkeit – stellen an ihren Sehbehelf oder eine sonstige Korrekturmöglichkeit folgende Ansprüche:

  • Effektivität im Seherfolg
  • Einfachheit und Komfort in der Anwendung
  • Flexibilität unter verschiedenen Lebens- und Arbeitsbedingungen
  • Kosmetisch ansprechende Lösung
  • Muss preislich angepasst sein (gutes Preis-Leistungsverhältnis)

Wir Augenärzte und Augenärztinnen als Verantwortliche für das Sinnesorgan Auge stellen noch weitere Forderungen auf:

  • Der Sehbehelf oder die Korrekturmethode soll dauerhaft gleichbleibend gute Sehschärfe erzielen
  • Der Sehbehelf oder die Korrekturmethode darf die Gesundheit des Sinnesorgans Auge nicht gefährden und muss auf Dauer verträglich sein

In idealer Weise erfüllt der Sehbehelf “Brille” seit Jahrhunderten nahezu alle Forderungen. Die Einschränkungen betreffen allerdings nicht nur die gelegentliche Ablehnung des “Brillengestelles”, sondern auch kompliziertere Fehlsichtigkeiten, wie z.B. höhergradige Kurzsichtigkeit, Weitsichtigkeit oder Astigmatismus sowie stärkere Anisometropie und Augenveränderungen wie Keratokonus oder Hornhautnarben. In diesen Fällen ist die Brille oft nur sehr beschränkt wirksam.

Ist die Korrektur mittels Brillenglases in den genannten Fällen nicht oder nur unbefriedigend möglich, kommt in idealer Weise die Kontaktlinse zum Einsatz.

Die Idee, ein fehlsichtiges Auge mittels einer ganz kleinen Linse, die direkt auf der Hornhaut sitzt, zu korrigieren, ist schon sehr alt. Der Durchbruch gelang aber erst Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Einführung augenverträglicher Materialien und der Möglichkeit der exakten reproduzierbaren industriellen Fertigung. Erst war das Material “hart”, die Kontaktlinse wurde daher oft als störender Fremdkörper empfunden und nur wegen der guten Korrektur vom Träger akzeptiert. In den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts wurde durch eine revolutionäre Erfindung die Schar der Kontaktlinsenträger/innen vermehrt – die “Weichlinse” war erfunden. Die großen Hoffnungen, die man in dieses Material gesetzt hatte, wurden allerdings bald gebremst: Astigmatismus konnte vorerst kaum korrigiert werden, dann erwies sich das Weichmaterial nicht als ideal verträglich, zusammen mit den notwendigen Hygienemitteln kam es immer wieder zu allergischen Reizerscheinungen.

Heute gibt es eine Vielzahl formstabiler und weicher Materialien, aus denen Kontaktlinsen fast jeder beliebigen Art und Stärke gefertigt werden können. Überdies wurde durch neuartige Fertigungstechnologie die Kontaktlinse mit programmierter kurzer Tragedauer (2 oder 4 Wochen, später auch 1 Tag) entwickelt. Auch das “verlängerte” Tragen über eine Nacht oder mehrere Tage und Nächte wurde möglich.

Die Zahl der Kontaktlinsenträger/innen nahm sprungartig zu. Diese Zunahme wurde nicht zuletzt durch aggressive Werbung der Hersteller und Sonderaktionen von Anpassern (z.B. “Gratis-Probetragen”) gefördert. Wir Augenärzte stehen diesem Boom mit gemischten Gefühlen gegenüber. Einerseits ist die Entwicklung der heute breiten Palette an brauchbaren Produkten zu begrüßen, andererseits ist dem Zurückdrängen der ärztlichen Kompetenz entschieden entgegenzutreten. Verkauf von Kontaktlinsen über den Ladentisch (lediglich nach Angaben der Brillenrefraktion) oder neuerdings über das Internet stellen in den Augen verantwortungsbewusster Kontaktlinsenanpasser eine gefährliche Entwicklung dar. Die Folgen durch Misserfolge und Spätfolgen nach jahrelangem Tragen nicht exakt passender Kontaktlinsen sind heute noch nicht abzusehen. Auch das – ca. 20 Jahre alte – Verfahren der Orthokeratologie (vorübergehende Korrektur leichter Myopie durch nächtliches Tragen harter Speziallinsen) ist wieder in – besonders mediale – Erscheinung getreten. Augenärzte sehen diese Methode als ein schwer zu kontrollierendes Verfahren an, das vor allem häufiger ärztlicher Überwachung bedarf; die Stabilität der optimalen Sehschärfe kann nicht als gesichert gelten.

Die Kontaktlinse … morgen?

Heute gibt es als “Konkurrenz” der Kontaktlinse eine Reihe operativer Verfahren, die durch Eingriffe an Hornhaut oder Linse, bzw. durch Implantate Fehlsichtigkeit zu korrigieren trachten. Fast alle dieser Eingriffe sind “endgültig”, d.h. die Korrektur eines nicht exakt erzielten Ergebnisses ist meist nur sehr schwer möglich. Auf keinem anderen Gebiet der Augenheilkunde ist daher so viel Aufklärung und eingehende Beratung erforderlich wie vor einem refraktiv-chirurgischen Eingriff, zumal dieser ja an einem an und für sich gesunden Organ durchgeführt wird, aber doch etliche Risken mit sich bringt. Bei vielen Methoden fehlen überdies Langzeiterfahrungen.

Die Zukunft der Kontaktlinse hingegen gilt als gesichert. Technische und chemische Weiterentwicklungen machen fast jede Sonderanfertigung für nahezu jede Art der Fehlsichtigkeit möglich. Möglichst schonende und doch wirkungsvolle Hygienemittel sorgen für eine niedrige Allergierate. Eine Vielzahl von Tränenersatzmitteln – etliche davon ohne Konservierungsstoffe – ermöglichen empfindlichen Kontaktlinsenträgern die komplikationslose Anwendung. Wenn auch im Bereich der Kurzzeitsysteme die Wichtigkeit der fachgerechten Anpassung und der notwendigen ärztlichen Untersuchung erkannt und respektiert wird, steht der Anwendung der Kontaktlinse eine gute Zukunft bevor.